Mehr Fortschritt und Wachstum - und trotzdem mehr Armut?

Eine WZB-Leserin aus Dachau fragt: Wie das ? - Die Antwort:

Menschlicher Geist hat bewirkt, daß die Bedingungen, unter denen die Menschen die Güter er-zeugen, gewinnen oder finden, die sie für ihr Leben benötigen oder sich nur wünschen, im Laufe der Menschheitsgeschichte und besonders in letzter Zeit immer effizienter, ergebnisreicher geworden sind. In letzter Zeit: Wenn man vor vielleicht 30 Jahren zur Herstellung von 10 Gütern 10 Arbeiter und 10 Stunden benötigte, kann man heute mit gleich viel Arbeitern und gleich langer Zeit 20 Güter oder 10 Güter in 10 Stunden mit 5 Arbeitern oder 10 Güter mit 10 Arbeitern in 5 Stunden erzeugen. Das bedeutet, daß die Menschheit insgesamt reicher geworden ist, reicher an Möglichkeiten; man kann auch sagen: wohlhabender geworden ist. - Eigentlich jedenfalls.


Trotzdem verstehen sich heute – sehen wir jetzt einmal nur auf Deutschland – bemerkenswert viele Menschen als arm, als ärmer denn gestern, und das wenn nicht „zahlengestützt“, dann mental, „empfunden“; dann meinen diese Menschen, heute mehr, d.h. länger oder angestrengter, zwecks Überwindung ihrer Armut arbeiten zu müssen, als es „früher“ erforderlich gewesen sei. Erleben sie sogar, daran arbeiten, sich explizit darum bemühen zu müssen, überhaupt arbeiten, sich der Mühe einer Arbeit unterwerfen zu dürfen. Dementsprechend berichten amtliche Stellen und Medien heutzutage lähmend oft und beeindruckend darüber, wie die Armut insgesamt steige und daß man kaum wirklich Entscheidendes gegen den betrüblichen Trend tun könne. Oder registriert man das eigentlich Unverständliche, daß der an sich unübersehbare Fortschritt den Menschen heute zwar – transporttechnisch – die ganze Welt erschlossen hat, sich die Menschen aber gleichzeitig genötigt fühlen, in Scharen aus ihren „armen Behausungen bei sich zu Hause“ in „die reichere Welt, die Welt der Reicheren“, draußen, zu reisen, d.h. dann eigentlich zu fliehen.


Man erlebt heute das Paradoxon, daß weise Menschen Klagende mit dem Hinweis zurechtweisen: „Uns ging es früher nie so gut wie Euch; wir hatten nur an Sonntagen Fleisch auf dem Teller, dafür 60 Stunden die Woche zu arbeiten; und wir bekamen, wenn es keine Arbeit gab („In unserer heutigen Zeit kann jeder, der arbeiten will, auch Arbeit finden.“), nur ein paar Bettelgroschen als Sozialunterstützung. Wie viel besser geht es da heute zu ?“ – Und die Klagenden beklagen dage-gen: „Wir sind arm. Und werden immer ärmer. Und drohen, immer noch ärmer zu werden !“


Das Paradoxon und dessen Hintergrund
1) Es kann – Ergebnis des Fortschritts – mehr produziert werden als früher (siehe oben !). Des-halb könnten nun, könnten – erste Möglichkeit - Güter produzierende Arbeiter für ein gleich großes Produktionsergebnis weniger arbeiten als früher. - Das akzeptieren die Arbeiter aber nur „bei vollem Lohnausgleich“, denn sie wollen in der doch tatsächlich fortgeschrittenen Zeit nicht ärmer leben als früher. - Und den vollen Lohnausgleich akzeptieren wiederum die involvierten Unternehmer nicht, da sie – vordergründig schlüssig – erklären, den realen technischen Fortschritt hätten sie, investierend, bezahlt, also hätten auch sie das Recht zu dessen – voller - Nutzung. - Die erste Möglichkeit ist also keine wirkliche Möglichkeit.


Die zweite Möglichkeit wird derzeit tatsächlich wahrgenommen: Man setzt zur Erstel-lung eines gleichgroßen Produktionsvolumens weniger Arbeiter ein – und weniger Angestellte und weniger arbeitende Unternehmer – und setzt die übrigen Arbeitsbereiten und Arbeitsfähigen frei, d.h. entläßt sie – in die Arbeitslosigkeit.


2) Dadurch werden sowohl die „geringverdienenden“ Arbeitslosen als im Prinzip auch die Nichtarbeitslosen, die die Arbeitslosen über ihre Zahlungsverpflichtungen (Steuern, Sozialabgaben) aushalten müssen, tendenziell ärmer. Im Zeitalter des Fortschritts ! Beide werden jedenfalls nicht reicher (ein Armer ist immer insofern arm, als er nicht so reich ist wie der Reiche); beide werden nicht reicher, weil sie niemals sparen können, um so Kapital investieren zu können, um mit dem Ertrag ihrer Investitionen (siehe vor !) reicher werden zu können.


3) Die „freigesetzten“ Arbeitslosen bemühen sich fortan um einen „Job“ – den nannte man früher „ehrliche Arbeit“ – und die steuer- und abgabengeschröpften Nochbeschäftigten interessieren sich vermehrt und intensiv für eine steuer- und abgabenausgleichende „Zweiterwerbstätigkeit“. Und beide Gruppen stellen ihre Leistungsbereitschaft und -fähigkeit auf dem sogenannten Arbeitsmarkt ins „Angebot“ – „Sale !“


Und da Angebot und Nachfrage natürlicherweise und zwingend den Preis einer Ware bestimmen und eine Arbeitsleistung – mögen ehrenwerte und gutmeinende Moralisten das mögen oder nicht – eine Ware ist – eine Ware ist per sachgerechter Definition ein Gut, das zum Austausch (gegen Lohn o.a.) angeboten und entsprechend angenommen wird -, stagnieren oder sinken in Zeiten von Arbeitslosigkeit, also einem „Arbeitskräfte-überangebot“ die Löhne, Gehälter, die Einkommen der Arbeitskräfte. Und es verringern sich die Möglichkeiten, auf „Investitionskapital“ hin zu sparen, um so mit der Zeit „weniger arm“, respektive „mehr reich“ werden zu können.


Die Auflösung des Paradoxons
4) Die Möglichkeit, Arbeitseinkommen zu stabilisieren oder zu steigern und damit gege-bene Armut zurückzuschrauben oder gar zu überwinden, findet man dann, wenn man sich vergegenwärtigt, daß nicht nur sich verbessernde Produktionsmöglichkeiten Voraussetzung für gegebenenfalls bedarfsentsprechendes Wirtschaftswachstum sind, daß vielmehr ebenso sichergestellt sein muß, daß ein mögliches Mehr an Produktion auch verkauft und gekauft werden kann. Und daß für den Absatz eines möglich steigenden Produktionsvolumens eine parallel steigende Geldmenge Voraussetzung ist.


Das heißt: Wenn ein Anwachsen der Produktion möglich und bedarfsentsprechend gewünscht wird und wenn man dann der kaufinteressieren Seite des Marktes genügend kaufaktives Geld zur Verfügung stellt, kann ein entsprechendes Mehr abgesetzt werden und wird demzufolge entsprechend mehr produziert. Jetzt werden Arbeitskräfte gesucht, so daß die Löhne und Gehälter der Pro-duzierenden – dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend – sukzessive bis auf das gerechte Maximum ansteigen. Während diese Steigerung von Arbeitseinkommen automatisch gegenfinanziert wird durch ein – gerechtes – Absinken der Unternehmenseinkommen, die zuvor deswegen – legitimer- und legalerweise und verhältnismäßig - zu hoch lagen, weil die Lohnkosten, der Lage auf dem Arbeitsmarkt entsprechend, relativ gering waren. Da nun die Lohnsteigerungen vorherige „Arme“ langsam aber stetig zu sparenden „Kapital-Investoren“ „aufsteigen“ lassen, nun gerechterweise nicht mehr nur die Reichen reicher werden, nivelliert sich das Verhältnis zwischen Reich und Arm konsequent.


So kommt es zu Fortschritt, Wachstum - und – Gerechtigkeit ! - Nur so !